Wie ich schon als Kind zum Reisen kam {Blogparade}

Camping im Sülztal bei Kürten 1959
Camping im Sülztal bei Kürten 1959

Lars Friedrich will wissen „Wie war denn der Sommerurlaub in eurer Kindheit?“ und veranstaltet daher zu diesem Thema eine Blogparade. Um mich an der Parade beteiligen zu können habe ich in alten Fotoalben geschmökert. Schon dafür gebührt ihm ein fettes Dankeschön. Was habe ich da nicht für Schätzchen entdeckt.


So viele Erinnerungen kamen wieder in meinen Kopf. An lang vergessene Freunde und Bekannte habe ich mich erinnert und gestaunt, wie ähnlich meine Großeltern meiner Erinnerung immer noch sind. Meine Mutter hat zumindest in den ersten Jahren meines Lebens akribisch Fotoalben gestaltet und aussagekräftig beschriftet, später teilte sie diese Aufmerksamkeit auf die Alben beider Töchter auf - und dann begann mein Vater Dias zu fotografieren. Das zeigt sich in immer größeren Lücken in der Dokumentation. Und mit der Pubertät kam die Zeit, in der ich nicht mehr fotografiert werden mochte - da fehlen jegliche Fotos von mir oder aus unseren Urlauben.


Den Fotos nach zu urteilen sind meine Eltern bereits früh mit mir gereist: eine Aufnahme aus dem Sommer 1959 zeigt mich vor dem Zelt auf einem Campingplatz bei Kürten im Sülztal. Aktive Erinnerungen daran habe ich nicht, aus Erzählungen weiß ich allerdings, dass die Fahrten auf den Platz am Wochenende in den Sommermonaten an jedem Wochenende stattfanden. Man kannte sich auf dem Platz, das Zelt durfte stehen bleiben und am Samstag nach Feierabend wurde der Käfer gepackt und es ging los. Man genoss das Wochenende naturnah und im Kreis von Freunden und Bekannten. Meine Eltern betonen immer, dass damals noch Samstag bis mittags gearbeitet wurde. Die Kampagne „Am Wochenende gehört Vati mir“ trug in der rheinischen Metallindustrie offenbar erst einige Jahre später Früchte.

Sommer an der See

Niederländische Nordsee 1960
Niederländische Nordsee 1960

1960 war ein Sommer, in dem ich sechs Wochen mit meiner Mutter, der Frau eines Arbeitskollegen meines Vaters und deren beiden Kindern - Sohn und Tochter - in Katwijk an der holländischen Nordseeküste verbrachte. Immer zu den Wochenenden kamen die Väter direkt von der Arbeit aus nachgefahren - im Käfer und ohne Autobahn über die Grenze nach Südholland.

 

Ich erinnere mich an Zimmer oder kleine Ferienwohnung unter dem Dach eines kleinen holländischen Siedlungshäuschens, an das Baden in einer Plastikwanne und natürlich an die allmorgendlichen Fahrten im Bollerwagen an den Strand. Der Sand ist fest in meiner Erinnerung verankert; ob ich je in der Nordsee gebadet habe, dass weiß ich nicht mehr. Zu den in der Familie gern erzählten Geschichten gehört, dass der Sohn und ich uns wohl nicht recht vertrugen - man musste im Bollerwagen seine große Schwester als Neutralitätszone zwischen uns platzieren. Und was ich beim Versuch, uns beide gemeinsam zu baden mit dem Badewasser angestellt habe… das überlasse ich Eurer Phantasie. Nur so viel: auch kleine Mädchen können ganz schön gemein sein.

Mein erster Roadtrip

Lazise am Gardasee 1964
Lazise am Gardasee 1964

1964 unternahmen meine Eltern mit mir eine erste große Auto-Camping-Rundreise. Meine bereits geborene kleine Schwester wurde in einem sogenannten „Babyhotel“ einquartiert (eine Grausamkeit an einem Kleinkind, wenn ich aus heutiger Sicht darüber nachdenke) und Eltern und große Tochter brachen im Käfer auf zu einer großen Tour durch die französischen Seealpen an die Cote d’Azur, entlang der Riviera zurück durch Italien, an den Gardasee.


An die Reise habe ich erste klare Erinnerungsfetzen: immer wieder einmal ein anderes Hotel, ein neuer Campingplatz, komische Toiletten in Frankreich, ein Abendessen in Frankreich mit einem unglaublich großen, saftigen, süßen Pfirsich für mich, das Meer an der Riviera mit ganz vielen Blumen, Ausflüge in die Olivenhaine des Hinterlandes. Auf einem der ersten Farbfotos in meinem Album stehe ich neben meiner Mutter auf der Promenade in Lazise am Gardasee - und man sieht, wie sehr sich die Urlaubskleidung der Sechziger von der heutigen Ferienuniform unterscheidet (und das spiegelt sich auch in der nicht allzu befreit-fröhlichen Körperhaltung und dem Gesichtsausdruck wieder).

Camping, Grillen, Lagerfeuer

Camping am Neuenburger See (Schweiz) ab 1965
Camping am Neuenburger See (Schweiz) ab 1965

In den darauf folgenden Jahren verbrachten wir mehrere Jahre nacheinander den Sommerurlaub auf einem Campingplatz am Neuenburger See in der Schweiz. Das sind die ersten Urlaube, an die ich eine recht klare und auch strukturierte Erinnerung habe: die Anreise im Käfer, Rückbank ausgebaut, die Töchter auf der Bettwäsche und den mitgenommenen Lebensmitteln thronend; oder besser: bei der mitten in der Nacht erfolgenden Abreise zunächst schlafend. Der Campingplatz inmitten eines lichten Kiefernwaldes und direkt am See gelegen. Morgens durfte ich allein in den Campingplatzladen gehen und Brötchen und frische Milch holen. Und die von meiner Schwester und mir so gehassten Kalktabletten, die wir allmorgendlich nehmen mussten, wurden von Mäusen angefressen…

Grillen am Neuenburger See (Schweiz) ab 1965
Grillen am Neuenburger See (Schweiz) ab 1965

Dort hat unser Vater nahezu jeden Abend gegrillt und ein kleines Lagerfeuer gemacht. Man durfte nämlich in den angrenzenden Wäldern Holz sammeln und in Feuerkästen verbrennen: Lagerfeuerromantik, die mich bis heute ja nicht loslässt. Gespielt haben wir mit dem, was der naturnahe Campingplatz so hergab. Ich habe beispielsweise gern kleine und sehr ordentliche Gärtchen aus Sand und Pinienzapfen gebaut … die meine kleine Schwester mit genauso großem Eifer und viel Freude anschließend wieder kaputt machte.

Familienferien in Osttirol

Im Defreggental (Osttirol, Österreich) 1969
Im Defreggental (Osttirol, Österreich) 1969

Zum Ende der Sechziger wechselte mein Vater den Arbeitgeber, kaufte ein neues Auto und die nächsten Urlaube führten zum Bergwandern in eine kleine Familienpension in Prägraten in Osttirol. Die Familienpension war genau das, was der Name besagte: die Besitzerfamilie selbst hatte 13 Kinder, Jungs und Mädels wie die Orgelpfeifen und zusammen mit den Gästekindern kamen wir schnell auf über zwanzig Kinder. Man fand immer ausreichend Spielkameraden, Freundinnen oder Freunde für Unternehmungen, für spannende Spiele in Heuschobern oder am nahen Bach, wir spielten uns Streiche, fuhren in das nahegelegene Schwimmbad. Für die Eltern bedeutete dies gleichzeitig: es gab auch immer Eltern, die mehrere Kinder mit betreuten und so auch freie Zeit für die Eltern, in der sie ausgedehnte, sogar mehrtägige Bergtouren unternahmen. Kulinarisch sind mir riesige Brotlaibe mit Kümmel in Erinnerung geblieben, dicke Scheiben frischen selbstgebackenen Brotes, mit Butter und hausgemachter Marmelade und als besonderes Fest: zum Abendbrot ein Kaiserschmarren in einem Gasthaus und dazu ein Almdudler.

 

Die Ferienzeiten als Kind sind mir als eine freie und unbeschwerte Zeit in Erinnerung geblieben. Es gab Neues zu entdecken, es gab fremdes Essen, ich habe mit Kindern gespielt, deren Sprache ich nicht verstand und wurde dennoch gut Freund. Meine Eltern hatten Zeit für Spiele, unser Vater erklärte uns die Natur, es gab Freiraum für eigene und unabhängige Entdeckungen durch uns Kinder. Ganz bestimmt ist in dieser Zeit schon der Reisevirus bei mir eingepflanzt worden, die Lust am Neuen, am Entdecken, die Freude an der Auszeit vom Alltag.  Ich habe gelernt, dass Reisen auch Spaß macht, wenn man sich in einfachen Umständen einquartiert, dass aber auch mal ein wenig Luxus sehr schön sein kann. Ich liebe seither das abendliche Grillen und habe zum Glück einen Gatten, der diese Begeisterung für das offene Feuer teilt. Ich bin neugierig auf fremde Küchen und habe gelernt, auch exotische Lebensmittel zu kosten.

 

Und was habt Ihr von den Reisen in der Kindheit in Eure heutige Art zu reisen mitgenommen?

Was macht Ihr ganz anders, was haltet Ihr immer noch für unverzichtbar?

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Kommentare: 3
  • #1

    Beate (Montag, 29 Juni 2015 07:43)

    Reisen in meiner Kindheit …? Die gab es nicht. "Bleibe im Lande und nähre dich redlich" war die Devise meiner Familie. Da mussten die kleine Feierabendlandwirtschaft der Großeltern versorgt werden und ein neues Haus gebaut.
    Aber es wurde viel gelesen. Mein Vater hatte u. a. die "Kosmos"-Hefte abonniert, und hier lernte ich schon in den frühen 1960er Jahren die große, weite Welt kennen. Stonehenge, Machu Picchu und Angkor Wat wurden zu magischen Orten, die irgendwo da draußen auf mich warteten.
    Mit 10 Jahren trat ich dann in die Pfadfinderschaft Sankt Georg ein und machte erste Fahrten in den Hunsrück und die Eifel. Der Rest ist Geschichte …
    LG Beate

  • #2

    Heidi Schlicht (Dienstag, 28 Juli 2015 16:14)

    Liebe Zypresse, Wunderbar hast Du das wieder alles geschildert.
    Ich wollte, ich wäre so begabt wie Du.
    Ich habe ein paar Rezepte kopiert und werde sie demnächst mal ausprobieren.
    Alles Gute und viele Grüsse aus Südafrika, auch an Deinen Göttergatten,
    Heidi

  • #3

    martin (Donnerstag, 24 November 2016 00:48)

    Reisen hab ich von meinen Eltern. 1969 war ich in Rumänien als kleiner Pimpf. Dann immer Frankreich,, ok war nah,, ich bin Saarländer. Aber dann gings los, Ich allein, nach,,,, Frankreich, klar, wohin sonst,, savoir vivre hat der Saarländer im Blut.... Aber dann ,, jetzt aber wirklich,, Jugoslawien,, 1980,, als da noch keine Sau war. Und dann gings richtig los,, ab 1999 bin ich erst gar nicht mehr nach Europa zurück.. Heute lebe ich in Uruguay - vorerst, aber auch schon 12 Jahre,, zuvor 5 Jahre in Asien,, ich weiss ja auch nicht.. wie es weitergeht, aber das ist vielleicht das schöne.. Mich hat niemand gebremst,, wurde mir wohl in die Wiege gelegt. Wie schön das Gaucho Land ist zeige ich dann auch Gästen..