Ein Bummel durch’s (fast) Mittelalter und moderne Architektur – Langenberg und Neviges

Das bergische Kaffeetrinken im Neanderland hatte mich vor einiger Zeit auf die Idee gebracht: bei gutem Wetter sollte ich mir die Fachwerk-Altstadt von Langenberg ansehen. So geht es mir öfter: fern der Heimat habe ich alles Mögliche angesehen, nehme Umwege in Kauf… aber hier, unmittelbar in der Nachbarschaft lasse ich Kleinode unbeachtet links liegen. Das kennt Ihr doch sicher auch, oder? Tatsächlich erfuhr der geplante Ausflug in die sogenannte Bücherstadt Langenberg noch eine ungeplante Ergänzung: ich besuchte den Mariendom in Neviges, ein echtes Kontrastprogramm an einem Samstagnachmittag. Aber das erzähle ich besser der Reihe nach.

 

Es war ein kalter, aber sonniger Samstag im Januar, an dem ich mich auf den Weg machte. Von Düsseldorf aus ist Langenberg unkompliziert und schnell erreichbar. Autobahn, Landstraße, durch die grüne, wenn auch im Winter etwas kahle, Winterwelt des Neanderlandes. Und was erwartete mich?

Ein Rundgang durch Langenberg

Langenberg (Rheinland) gehört zu Velbert im Kreis Mettmann und hat beschauliche 15.000 Einwohner.

 

Manchmal haben schlechte Voraussetzungen Gutes zur Folge – das sieht man an der Geschichte Langenbergs. Denn eigentlich gab es zu schlechte Böden und eine enge Tallage – keine guten Voraussetzungen für eine florierende Entwicklung. Aber hier entstand stattdessen ein Platz, an dem Handel mit Waren aus Metall und Textilprodukten getrieben wurde. Langenberger Händler vertrieben ab dem 14. Jahrhundert vor allem Leinen in andere Regionen, ins Rheinland und nach Mitteldeutschland. Später, mit der beginnenden Industrialisierung entstanden Schleifkotten, Kupferhämmer, Öl-, Getreide- und Papiermühlen. Eine der größten Papierfabriken Deutschlands war in Langenberg ansässig. Zur Blüte des Ortes führte seit dem 18. Jahrhundert die Seidenindustrie. Neben seidenen Stoffen und Tüchern wurden auch Bänder gewebt. Und so zählte Langenberg vor dem ersten Weltkrieg zu den reichsten Orten Preußens.

 

Schon als ich die Innenstadt mit dem Auto erreiche wird mir klar: der historische Stadtkern Langenbergs ist geprägt von alten Fachwerkhäusern mit Schieferfassaden, verzierten Haustüren und Sprossenfenstern mit Schlagläden in  „bergischem Grün“.  Kopfsteinpflaster und viele Treppen und Treppchen tragen zu dem gemütlichen Flair bei, machen die Stadt aber nur eingeschränkt für einen Ausflug mit Rollstuhl empfehlenswert. Da ich heute allein unterwegs bin, parke ich das Auto, schnappe mir die Kamera und mache mich auf den Weg, Langenberg zu erkunden.

Altstadt und Bücherstadt Langenberg

Entlang der alten gepflasterten Hauptstraße und in den vielen beschaulichen Gassen in Langenberg entdecke ich viele kleine Ladenlokale mit Antiquitäten, Kunstgewerbe und anderen schönen Sachen. Leider schließen zahlreiche Läden samstags bereits gegen 14 Uhr, so kann ich nur in vereinzelten Läden wirklich „Bummeln“, also nach Herzenslust stöbern und schauen. Und es ist auch sonst nach-weihnachtliche Ruhe: ich entdecke einige Schilder mit der Aufschrift „Betriebsferien“, an Ladenlokalen, an Gaststätten und Kneipen, in denen bergische Gastlichkeit noch groß geschrieben werden soll. Schade für mich!

 

Die Altstadt Langenbergs mit ihren malerischen Winkeln und Gassen und den kleinen Läden bietet das Umfeld für das Projekt Bücherstadt. Der Hintergedanke bei dem 2011 im Rahmen der Aktion „365 Orte im Land der Ideen“ als vorbildlich ausgezeichneten „Bücherstadt Langenberg“: Historische Altstädte haben individuellen Charme und Leerstand. Die Gründe sind hohe Mieten, der Bau großer Ladenzentren mit großen Parkflächen vor den Innenstädten und das Aussterben alter Handwerke. Hier hat der Verein zur Förderung der Bücherstadt Langenberg wohl angesetzt und soll in verlassenen Läden Antiquariate betreiben, die nicht nur neue Kunden anziehen und ehemals leerstehende historische Immobilien beleben, sondern auch Kulturinteressierte in die Altstadt Langenbergs locken sollten. Ob das nach einigen Jahren noch so klappt? An diesem kalten Januar Samstag 2016 kamen bei mir (und wohl nicht nur bei mir) einige Zweifel an der lebendigen Tragfähigkeit der guten Idee auf - zu viele Ladenlokale stehen leer. Deutlicher wird dies vielleicht im Sommer, dann sollen, so heißt es, mehrere Antiquariate auch an den Wochenenden zum Stöbern und Schmökern einladen.

 

Übrigens ist der Erhalt der schönen Altstadt die Folge eines strittigen Ereignisses. Denn eigentlich hatte in den 1970er Jahren die Verwaltung der zunächst noch eigenständigen Gemeinde gegen den Widerstand der Bürgerinnen und Bürger eine Flächensanierung geplant. Dieser wäre der größte Teil der historischen Bebauung zum Opfer gefallen, entstehen sollten eine „optimierte Verkehrsführung“ und moderne Wohnungen in Terassenhäusern. Dazu wurden alte Häuser in großem Stil von der Gemeinde aufgekauft und sollten für die Sanierung abgerissen werden. Zum Glück, kann man heute sagen, folgte die kommunale Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen 1974 und Langenberg wurde mit Velbert und Neviges aufgelöst und zu einer neuen Gemeinde unter dem Namen Velbert zusammengeschlossen. Noch nicht abgebrochene Häuser wurden zu einem symbolischen Preis an Sanierungswillige abgegeben. Für das recht gut erhaltene Ortsbild wurde eine Gestaltungssatzung erlassen und der Ortskern als Denkmalbereich ausgewiesen – zum Glück für uns, die wir heute durch ein mittelalterliches Handelsstädtchen schlendern können.

Langenberg: Markt und "Patricias Naschwerkstatt"

Langenberg hat, wie ich feststelle, einen netten kleinen Markt, mittwochs und samstags auf dem Froweinplatz gleich neben der Sparkasse im Herzen der historischen Altstadt. Er findet in der Zeit von 7.00 bis 13.00 Uhr statt, dennoch sind bei meinem Besuch an diesem Samstagmittag freundliche Händler noch zu einem kleinen Plausch aufgelegt. Es gibt Obst und Gemüse, Fleisch und Wurstwaren, Geflügel und Eier und normalerweise eine kleine Auswahl an Textilien. Also ein echter Kleinstadtmarkt, der alle Male einen Besuch wert ist.

 

Und auf ein weiteres Kleinod stoße ich auf meinem Rückweg zum geparkten Auto. Beim Blick in das Schaufenster eines Ladenlokals sehe ich individuelle, kreativ gestaltete wunderschöne Torten.  

 

Es handelt sich um „Patricias Naschwerkstatt“ in Langenberg. Die Konditorin Patricia Hupe hat sich hier ihren Kindheitstraum erfüllt und gestaltet Torten nach eigenen Entwürfen, nach Wünschen ihrer Kunden, ganz individuell und mit Liebe: für Hochzeiten, Jubiläen, Geburtstag, Konfirmation oder Kommunion…  Und nicht nur das, auch Cupcakes, Kindergeburtstagsveranstaltungen, Modellier- und Garnierkurse stehen auf dem Programm. Die Chefin hat Zeit für mich, für ein kurzes Gespräch über ihre Arbeit, die sie offenkundig sehr gern macht.

 

Patricia's Naschwerkstatt

Hauptstrasse 81

42555 Velbert

02052 9200311

 

Das ist ein Laden nach meinem Geschmack, einzigartig, mit Herzblut und Engagement macht die Chefin ihr Ding!

auf zur Wallfahrtskirche in Neviges

Auf der Fahrt nach Langenberg hatte ich es bereits entdeckt, das Hinweisschild, welches Richtung Neviges wies. Und so beschloss ich, mich nicht sofort auf den Weg zurück nach Haus zu machen sondern noch ein weiteres Ziel meines Ausflugs in die Heimat anzusteuern. Schon lange spukte die Wallfahrtskirche in Velbert-Neviges durch meinen Kopf.

 

Hinweis zur Barrierefreiheit: der Dom liegt zwar am Berg, ist aber stufenlos zugänglich. Für Sehbehinderte gibt es vor dem Dom in Neviges ein in Braille beschriftetes Modell, welches ein Ertasten des Baukörpers möglich macht.

 

Die Stellung von Neviges als Wallfahrtsort geht auf eine Marienerscheinung des Dorstener Franziskanermönches Antonius Schirley zurück. Als der Fürstbischof von Paderborn und Münster, Ferdinand von Fürstenberg, von einer schweren Krankheit gesundete, pilgerte er nach Neviges und finanzierte die Fertigstellung des dort im Bau befindlichen Franziskanerklosters. 1688 wurde die Pilgerfahrt durch den Kölner Generalvikar offiziell genehmigt. Papst Clemens XII. sagte allen Pilgern einen vollkommenen Ablass der Sündenstrafen zu.

Der Mariendom in Neviges

Der Mariendom in Neviges ist mit über 6.000 Plätzen die zweitgrößte Kirche nach dem Kölner Dom im Erzbistum. Sie heißt richtig „Maria, Königin des Friedens“  und wurde 1968 vom Architekten Gottfried Böhm entworfen. Der Dom aus Sichtbeton ist imposant groß, massiv und erscheint beim Näherkommen über den geschwungenen und breiten Kirch- und Prozessionszugang nicht sehr freundlich. Er soll durch seine Gestaltung das Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils sichtbar machen: an die Stelle der festen Burg tritt in Neviges das Zelt, die Behausung des „wandernden Gottesvolks“; an die Stelle der „geschlossenen Gesellschaft“ tritt die Präsenz auf den „Marktplätzen der Welt“.

 

So kann man von außen in der Form des Gebäudes ein großes Zelt erkennen. Im Innern könnte der Hauptaltar im Zentrum eines weiten Marktplatzes stehen, den die Emporen wie fensterreiche Häuser umgeben und zu dem eine breite Straße von außen hinführt.

 

Ein wiederkehrendes Symbol der Innengestaltung des Mariendoms in Neviges ist die Rose, Zeichen der Gottesmutter Maria. Sie zieren die Fensterverglasungen den Sichtbetonwänden und prägen durch das einfallende Sonnenlicht den Ort atmosphärisch.

Ergänzende Informationen

  • Allgemeine Informationen über das Neanderland mit vielen Tipps für Ausflüge, Aufenthalte und sonstige Highlights gibt es auf der Seite neanderland.

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Kommentare: 5
  • #1

    Beate (Montag, 01 Februar 2016 07:05)

    Warum in die Ferne schweifen …? Wieder einmal bewahrheitet sich der Spruch. Danke für Deinen interessanten und anregenden Rundgang durch die Nachbarschaft und einen guten Start in die Woche!
    Liebe Grüße, Beate

    PS: Bei einer Innenstadtbelebung auf den Handel mit Büchern zu setzen war eine schöne, aber nicht besonders clevere Idee. Schon Anfang unseres Jahrhunderts war abzusehen, dass es leider mit den Printmedien immer weiter bergab gehen würde. Versuche heute mal ein sehr gut erhaltenes, ehemals teures Buch bei momox, reBuy & Co. zu verkaufen, und dir kommen die Tränen angesichts des dafür angebotenen Preises! Da mag es ein wenig trösten, wenn man im Umkehrschluss ungelesene "gebrauchte" Bücher für Minimalbeträge erhält. Das aber nur im Internet und nicht im örtlichen Buchhandel.

  • #2

    Zypresse (Montag, 01 Februar 2016 08:15)

    Moin Beate und ja, da hast Du vermutlich sehr Recht. Und wenn dann innerhalb der örtlichen Gemeinschaft womöglich der Zusammenhalt fehlt, Hausbesitzer Ladenlokale lieber leer stehen lassen als diese zumindest "zwischennutzen" zu lassen von einem solchen Projekt - dann hat man "tote Augen" in einer eigentlich so schönen, historischen Altstadt.

  • #3

    vielweib (Montag, 01 Februar 2016 08:31)

    Danke für die Verlinkung. Dein Artikel erinnert mich, dass ich auch mal wieder durch Langenberg flanieren muss. Das ist einfach zu schnuckelig dort. Da gab es auch ein ganz besonders gemütliches Café, wo es außergewöhnlich gutes Brot zu essen und auch zu kaufen gab. Leider weiß ich den Namen nicht mehr. Muss ich mal recherchieren.

  • #4

    Zypresse (Mittwoch, 03 Februar 2016 11:32)

    Ja, Tanja, ein Rundgang durch den Ort lohnt ganz sichr... und wenn dir noch das Cafe einfällt?

  • #5

    Heidi Schlicht (Mittwoch, 25 Mai 2016 16:05)

    Liebe Zypresse, Du hast mal wieder toll berichtet. Ich bewundere Dich immer wieder, wie super Du schreibst.
    Vielen Dank furs berichten. Uschis Sabine hat vor ein paar Jahre in Langenberg in einem sehr engen Haus gewohnt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir die engen Stufen hoch geklettert sind. Aber das weisst Du sicher.
    Alles Gute und viele Grüsse, auch an Deinen Gatten,
    Heidi