Unsere nächste Reise geht in die italienischen Marken - trotz Erdbeben

Locanda dell'Istrice am Fuße der Burg Rocca d'Ajello
Locanda dell'Istrice am Fuße der Burg Rocca d'Ajello

Im Mai geht es wieder auf Reisen - in unsere "zweite Heimat auf Zeit".  Die Locanda dell'Istrice liegt am Fuße der mittelalterlichen Burg Rocca d'Ajello bei Camerino, in der Region Marken, Italien. Man ist hier gleich mitten in der Natur, in der wunderschönen Hügellandschaft der Marken, in der Provinz Macerata.

 

Wir fanden hier in den letzten Jahren immer wieder unseren idealen Ort zum Relaxen und einen günstigen Ausgangspunkt, um Sehenswertes in der Nähe und in ganz Mittelitalien zu besuchen: Ancona, Assisi, Jesi, Loreto, Perugia, Urbino...

 

Es gibt Zimmer und Miniappartements, zwei davon geeignet für Rollstuhlfahrer und außerdem das alte Priesterhäuschen direkt an der Burg mit Platz für fünf Personen. Alles sehr liebevoll und persönlich gestaltet - ein Ort zum Wohlfühlen, Entspannen und Genießen!

Auf in die Marken - dem Erdbeben zum Trotz

beschädigtes Wohnhaus im März 2017
beschädigtes Wohnhaus im März 2017

Aber da war doch etwas, ein paar Monate ist es her, die Medien berichten inzwischen fast nicht mehr: ja, genau in dieser Region Mittelitaliens hat die Erde gebebt.

 

Seit dem Erdstoß am 30.10.2016, der schwere Schäden anrichtete, haben zahlreiche Nachbeben die ohnehin schon verwüstete Region erschüttert. Die Erde wurde durch das Beben auf einer Fläche von 130 Quadratkilometern grundlegend verändert. Der letzte Erdstoß mit einer Stärke von 4,8 hatte sein Epizentrum in der Provinz Macerata.

 

Das stärkste Beben in Italien seit 36 Jahren hat historische Ortschaften und zahlreiche Kulturgüter zerstört. Etwa 20 Menschen wurden verletzt. Mehrere Menschen wurden lebend aus Trümmern geborgen. Viele Gemeinden wurden nahezu vollständig zerstört, Straßen waren nicht passierbar. Allein in der Region Marken wurden 25.000 Menschen obdachlos.

 

In der Locanda sind alle wohlauf, das Haus und auch die oberhalb gelegene Burg Rocca d'Ajello haben keinen Schaden genommen. Anders sieht es allerdings in den Orten der Umgebung, also in Camerino, in Castelraimondo, in San Severino Marche oder in Visso aus. Dennoch, die fehlende Berichterstattung in den Medien hat auch ein Gutes: die Touristen, auch die Wochendurlauber, trudeln mit Beginn des Frühlings wieder ein.

Wie es aktuell aussieht...

Stadttor von Camerino im März 2017
Stadttor von Camerino im März 2017

Nördlich und Nordwestlich von Camerino gab es ein paar wenige Schäden, die auch noch zu sehen sind, aber das Leben geht normal weiter. Diejenigen, die keine Wohnung mehr haben, sind irgendwie bei Verwandten untergekommen, das hat sich alles von selbst absorbiert, beispielsweise in Castelraimondo. In Matelica sieht es noch besser aus, da ist so gut wie gar nichts passiert. Wer eine heile Wohnung und reguläre Arbeit hat, macht weiter wie bisher, musste bloß ggf. die Bar oder den Frisör wechseln.

 

Anders hingegen in den Orten nordöstlich von Camerino. Städte wie San Severino, Caldarola oder Tolentino haben wesentlich mehr Schäden erlitten als die im Nordwesten. Die Altstädte sind zwar einigermaßen in Ordnung, nur einzelne Gebäude sind gesperrt, man kann noch bummeln. Aber in den neueren Wohnsiedlungen gibt es viele Häuser, die nicht mehr bewohnbar sind. Die Menschen leben immer noch in Wohnwagensiedlungen auf größeren Plätzen am Stadtrand, da wurden extra Strom und Wasser installiert.

 

In Camerino selbst ist die Altstadt immer noch wie ausgestorben und ohne das sie prägende lebendige Treiben. Sie ist nach wie vor gesperrt, niemand darf ohne Begleitung der Feuerwehrleute da rein, etwa um Sachen aus den Häusern zu holen. Die Gebäude sind zwar nicht eingestürzt, aber so stark beschädigt, dass man sie momentan nicht nutzen kann. Die gefährlichsten Stellen wurden mittlerweile mit Balken gesichert, aber was die eigentliche Reparatur betrifft, weiß man noch überhaupt nichts. Es gibt von den staatlicher Seite keine Pläne, Vorschläge, oder gar Finanzierungsmöglichkeiten. Die Experten sind nicht fertig mit der technischen Überprüfung der einzelnen Gebäude. Außerdem gibt es architektonische Auflagen von der Denkmalschutzbehörde, die aber auch nicht wirklich konkret sind.

"City-Park" in Camerino im März 2017
"City-Park" in Camerino im März 2017

Die Bewohner der Altstadt von Camerino leben bei Verwandten oder in den Hotels an der Küste. Zahlreiche Studenten, die eigentlichen Bewohner der Altstadt, haben sich andere Unterkünfte gesucht. Die Preise für Wohnungen und einzelne Zimmer sind enorm in die Höhe geschossen, man nutzt die Katastrophe zum Verdienen.

 

Eine schnell errichtete Containersiedlung wird von der Bevölkerung nicht so richtig angenommen. Hauptsächlich bewohnt wird sie von Studenten, denn die Container sind keine Wohnungen, sondern Schlafzellen mit Sammelbädern und Mensa.

 

Für die kleinen Geschäfte, die der Altstadt ihren besonderen und ganz lebendigen Charme verliehen haben, hat man unterhalb von Camerino eine Art Zeltstadt errichtet. Dieser "City-Park" ist eine Art Einkaufszentrum. Hier findet man fast alle bisherigen kleinen Geschäfte von Fleisch, Gemüse, Frisör, Schuhen bis zu Bastelbedarf. Für Touristen ist das Einkaufen dort natürlich nicht mehr so stimmungsvoll, aber bei den Einheimischen ist dieser Ort ziemlich beliebt, es ist sozusagen das neue Zentrum. Da treffen sich die Leute auch an der Bar oder in der Pizzeria.

Kirchturmspitze in Camerino im März 2017
Kirchturmspitze in Camerino im März 2017

Einige Geschäfte und Restaurants sind allerdings auch weggezogen. Sie haben sich neue Ladenlokale gesucht, beispielsweise in Civitanova Marche an der Küste, andere beleben bislang leer stehende Läden in Castelraimondo und Matelica. Castelraimondo erlebt deshalb gerade einen kleinen Aufschwung.

 

Tragisch ist die Situation in vielen Orten südlich von Camerino in den Bergen. Hier gibt es eine richtige “Entvölkerung”. Städtchen wie Visso, Castel Sant’Angelo sul Nera, Ussita, Castelluccio, usw. sind durch die Beben fast komplett zerstört. So gut wie alle Einwohner wurden in den Hotels an der Küste untergebracht, manche Viehzüchter harren immer noch in Wohnwagen daheim aus, weil sie sich ja um die Tiere kümmern müssen. Abgesehen von der Landwirtschaft gibt es in der Berggegend zwei größere Arbeitgeber, Nerea (Mineralwasser) und Svila (Tiefkühlpizza) und viele Leute, die jetzt in den Orten am Meer leben, fahren jeden Tag über 100 km, um zur Arbeit zu kommen. Aber einige haben mittlerweile auch begonnen, sich in den Städten am Meer zu etablieren, besonders wenn sie Kinder haben, die nun dort in die Schule gehen. Langfristig werden wohl viele Menschen nicht mehr in die kleinen Orte zurück kommen.

... und wie es weitergehen könnte

Containersiedlung in Camerino im März 2017
Containersiedlung in Camerino im März 2017

Natürlich leiden besonders diese kleinen Städtchen in den Bergen unter der Entvölkerung. Das wird hier vermutlich schwierig in den nächsten Jahren mit dem Tourismus. Denn die hübschen Orte sind zerstört, es gibt dort kaum Einwohner und damit kein echtes Leben mehr und die Straßen sind auch noch längst nicht alle wieder befahrbar.

 

Diese Bevölkerungswanderung, die Leute ziehen von hier nach dort und bauen sich eine neue Existenz auf, kommt wiederum manchen Städten, die keine oder wenig Schäden erlitten haben, zu Gute, sie wachsen. Etliche kleine Orte in den Bergen werden aussterben, was sehr, sehr schade ist. Irgendwann in 15 oder 20 Jahren entdecken dann wahrscheinlich wohlhabende Ausländer die Gegend und kaufen die verfallenen antiken Häuser auf, das gab es ja woanders auch schon.

 

In den zurückliegenden Monaten haben viele einzelne Privatpersonen, Firmen, Stiftungen geholfen. Kleine Gemeinden aus Norditalien haben Holzhäuser herangeschafft und montiert; sie fühlen sich mit den Gemeinden hier vor Ort solidarisch und helfen einfach unbürokratisch. Aber von der offiziellen Wiederaufbau-Kommission gibt es kein wie immer auch geartetes Programm für die nächste Zeit. So als wolle man abwarten, bis sich die Leute in ihr Schicksal gefügt und sich woanders niedergelassen haben. So unglaublich viele Menschen sind es ja nicht - ein paar Tausend – die kommen schon irgendwo anders unter und der Staat spart Geld.

 

Wie die Entwicklung der nächsten Jahre sein wird, kann niemand absehen. Schlimm ist die Resignation, die sich allerorten abzeichnet:

 

"Es gibt auch keine wirklich viel versprechende und intelligente Initiative oder Institution, Partei oder was weiß ich, in die man Hoffnung setzen kann. Jede Idee verläuft im Sand. Die Menschen sind ziemlich resigniert, warten in ihren provisorischen Unterkünften auf staatliche Hilfe oder ziehen weg."

Blick auf die Rocca d'Ajello und die Locanda dell'Istrice
Blick auf die Rocca d'Ajello und die Locanda dell'Istrice

Ja und warum, so werdet Ihr Euch fragen, reisen die beiden dann im Mai dorthin? Aber liegt es nicht auf der Hand?

 

Einem Freund, der gestürzt ist, dem hilf man auf. Den lässt man nicht im Stich, nur weil er schwächelt oder einige Narben hat.

 

Wir haben unsere Reisen in die Marken immer sehr genossen, wir haben uns dort wohl gefühlt, wir haben nette Menschen getroffen und wurden gastfreundlich aufgenommen. Kurz gesagt: es gefällt uns sehr!

 

Die Marken sind ein wenig industrialisierter, eher landwirtschaftlich geprägter Teil Italiens. Einnahmen werden vor allem auch aus dem Tourismus erzielt. Hier können wir durch unseren Besuch ein wenig beitragen, dass nicht alle Einnahmen wegbrechen.

 

Im übrigen: es gibt auch außerhalb der stark betroffenen Städte und Gemeinden noch so vieles zu sehen und zu entdecken in den italienischen Marken. Da haben wir keine Sorge, wir müssten uns womöglich langweilen. Die Natur, die Landschaft - all das wird uns sicher im Mai mit frischem Grün, blühenden Blumenwiesen und leuchtend roten Mohnfeldern begrüßen. Die Küche in den Marken ist ein Traum, es gibt leckere Hausmannskost, frischen Fisch aus den Flüssen oder an der Küste, frische Trüffel aus dem Wäldern. Urbino ist ganz sicher einen Besuch zum zweiten Mal wert, Macerata haben wir bisher nur an einem Feiertag mit geschlossenen Geschäften und fast entvölkert erlebt, Loreto haben wir noch gar nicht besucht. So vieles in den Marken wartet auf unseren Besuch - warum also sollten wir im Mai nicht dorthin reisen? Wir jedenfalls freuen uns schon sehr auf diese Reise!

Lesen über die italienischen Marken

Dieser Blogbeitrag ist mit tatkräftiger Unterstützung entstanden: Vielen Dank an Beate Bennewitz für immer wieder aktuelle Berichte aus den Marken, für die Fotos und natürlich die Gastfreundschaft in den italienischen Marken!

Das ist mein nicht ganz passender Beitrag zu Sabines Sammelaktion "Mein ganz persönlicher Katastrophentourismus" - Danke für die Idee.

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Kommentare: 4
  • #1

    Beate (Sonntag, 02 April 2017 15:34)

    Neee, Katastrophentourismus ist das wirklich nicht. Ich find's toll, dass Ihr weiterhin in die Marken reist und weiß, dass Ihr es nicht bereuen werdet.
    Wi beschreibt das auch ganz gut in seinem Blog, als er 2014 wieder einmal den Jemen besuchte; nachzulesen dort: https://www.grenzenlosabenteuer.de/neues-abenteuer-2014-2016/na-4-ankara-istanbul-sanaa/
    Zitat: "Und bekanntlich besucht man ja Freunde und Bekannte auch in schlechten Zeiten."
    In diesem Sinne ...

  • #2

    Zypresse (Sonntag, 02 April 2017 16:42)

    So ist es Beate - wer wüsste das besser als Du! Und eines Tages, da besucht Ihr vielleicht auch mal Deine Namensvetterin in den Marken, ich bin mir recht sicher, dass Ihr Euch gute verstehen würdet!

  • #3

    Karin (Montag, 05 Juni 2017 22:00)

    Mittlerweile seid Ihr ja wieder zurück und ich hoffe, dass Ihr trotz der Umstände einen schönen Urlaub hattet und das es den Menschen dort soweit gut geht bzw. sie mit den Schwierigkeiten, die durch das Beben entstanden sind, gut klar kommen.
    Der Spruch mit dem Freund, dem man aufhilft, finde ich übrigens sehr gut und aussagekräftig - es wäre schön, wenn ihn sich viele zu Herzen nehmen würden!
    Ein gutes Wiedereinleben Zuhause wünscht Dir Karin

  • #4

    Zypresse (Dienstag, 06 Juni 2017 08:38)

    Hallo Karin, in der Tat, wir sind wieder zu Hause. Es war ein schöner, entspannter Urlaub. "Trotz" Erdbebenschäden haben wir einiges gesehen, haben die Gastfreundschaft genießen können - und werden sicher demnächst den ein oder anderen Beitrag veröffentlichen.
    Hab eine gute Woche!