Erfahrungen mit dem Rollstuhl zu Haus und unterwegs

Anfang 2014 wurde ich gefragt "Wie erlebst du die Einheimischen, wenn du in anderen Ländern unterwegs bist?" Eine interessante Frage. Klar haben wir Erfahrungen, klar haben wir das ein oder andere erlebt und, kaum verwunderlich, ich habe mir überlegt, ich werde diese Frage mit einem Fokus auf unsere spezielle Reisesituation beantworten. Schließlich ist es schon ein wenig anders, wenn man mit einem Rollstuhl auf Reisen geht.

 

Gibt es Unterschiede zwischen „zu Hause“ und auf Reisen? Ganz klar und eindeutig gibt es sie. Zumindest für uns sind Unterschiede im Alltag, in der Art, wie wir aufgenommen werden erkennbar. Grob gesagt: in vielen Ländern ist es einfacher, angenehmer, selbstverständlicher, auch als Rollstuhlfahrer zu reisen.

Wie ist es "zu Hause" mit dem Rollstuhl?

Beginnen wir mit einer kurzen Skizze der Situation wenn wir zu Haus gemeinsam unterwegs sind, der Gatte im Rollstuhl und ich zu Fuß mit ihm unterwegs. Hier passiert es uns immer wieder, wenn wir beispielsweise

  • einkaufen gehen, dass nicht mit meinem Gatten geredet wird, der neue Hemden kaufen will - sondern ich ganz selbstverständlich über seinen Kopf hinweg befragt werde: „das könnte ihm doch passen?“
  • auf einem Behindertenparkplatz parken möchten diesen von offenbar nicht mobilitätsbehinderten Menschen belegt finden, die darauf angesprochen auch noch pampig reagieren: „ich warte hier doch nur auf …“
  • bei der Bahn zum wiederholten Mal die Einstiegshilfe trotz rechtzeitiger Anmeldung nicht vorfinden oder der rollstuhlgerechte Großraumwagen nicht in den Zuge eingekoppelt wurde und Reisepläne damit ein jähes Ende finden
  • ein Hotel suchen und die rollstuhlgeeigneten Zimmer nur in Vier- oder Fünf-Sterne-Häusern zu entsprechend horrenden Preisen zu bekommen sind (und dass es dann oft genug nur ein barrierefreies Einzelzimmer mit unbequemem Zustellbett für die Begleitperson ist - geschenkt)

Wie ist das Reisen mit dem Rollstuhl?

Im Urlaub hingegen? Es scheint uns in vielen Ländern auf der Welt viel natürlicher, dass auch behinderte Menschen am Alltagsleben teilnehmen. Das überträgt sich natürlich auch auf unsere Alltagserfahrungen, die wir auf Reisen mit dem Rollstuhl machen. Beispiele?

  • Wir stehen vor dem Dom in Siena, betrachten die Stufen, die zum Portal hinauf führen und überlegen, wie wir denn wohl gemeinsam den Dom besichtigen könnten. Noch während wir da stehen kommen drei junge Männer auf uns zu, die vorher auf den Stufen gesessen hatten und fragen - auf englisch - ob sie meinen Mann im Rollstuhl die Stufen hinauf tragen dürfen, damit er den Dom besuchen kann. Und selbstverständlich wären sie solange hier, bis wir auch gut wieder hinaus gekommen seien. Ganz einfach so, ohne dafür ein Trinkgeld zu erwarten, ja sogar, ohne überhaupt um Hilfe gebeten worden zu sein.
  • Ich werde auf einer Reise in die Türkei krank. Als es mir langsam ein wenig besser geht, beschließt der Gatte, mir ein kräftiges Süppchen kochen zu wollen und macht sich allein vom Ferienhaus aus auf den Weg ins Dorf zum Einkaufen. Kaum dort angekommen findet er sich umringt von netten Menschen wieder. In Deutsch, mit seinen Brocken türkisch, mit Händen und Füßen wird er gefragt, was er benötige. Dann bringt ein Junge Tee für alle… mein Mann soll es sich bequem machen - und zwei andere Jungs werden mit konkreten Aufträgen zum Einkaufen geschickt. Sie kehren nach und nach zurück: mit Rindfleisch, mit Suppengrün, mit Brot… Derweil plaudert der Gatte mit den Männern, über das Leben, über Deutschland und die Türkei, warum er im Rollstuhl sitzt… all dies unter allgemeinem Gelächter, mit viel Spaß.
  • Wir machen eine Reise durch Indonesien und übernachten mehrere Nächte auf einer Kakaoplantage. Zu unserem Zimmer im Gartenhaus geht es zwei Stufen hoch. Nachdem wir eingetroffen sind erscheint der Handwerker und baut eine passende Rampe aus ein paar einfachen Holzbrettern, lässt den Gatten ein paar mal testen, die Rampe hinauf und hinunter rollen mit dem Rollstuhl, scherzt mit uns, ändert noch die ein oder andere Kleinigkeit - und wir haben für die Dauer unseres Aufenthaltes ein perfekt rollstuhlgeeignetes Zimmer.
  • In den USA, in Australien, in Südafrika ist das Anmieten eines behindertengerecht mit Handgas und -bremse ausgestatteten Fahrzeuges ohne Mehrkosten kein Problem. Selbst wenn, wie wir es mehrfach erlebt haben, deutsche Reiseveranstalter den von ihnen bestätigten Sonderwunsch doch nicht an den Zielort weiter geleitet haben: nach spätestens zwei Tagen (in Südafrika, und das Fahrzeug konnten wir dann unterwegs austauschen, mussten also nicht an den ursprünglichem Anmietort zurück!), in den USA aber auch innerhalb einer knappen Stunde haben wir ein Auto wie gewünscht.

Unser Fazit zum Umgang mit Reisenden im Rollstuhl

Auf Reisen erleben wir die Menschen vor Ort freundlich, aufgeschlossen, aufmerksam und hilfsbereit gegenüber den Reisenden, die einen Rollstuhl dabei haben. Sie sind gern zu einem Schwätzchen aufgelegt. Und auch wir reden gern mit Menschen, erfahren von ihnen aus ihrem Leben, hören über das Bild von Deutschland in der Welt. Wir erleben die Menschen natürlich und wissbegierig im Umgang mit dem Gatten, manchmal ein wenig neugierig, immer aber zu Hilfe und Unterstützung bereit. Vielleicht liegt es auch an uns (weil wir in Urlaubslaune sind?) - aber eigentlich glaube ich eher, es liegt an der doch mehr reservierten, professionell höflichen Art der Deutschen wenn wir uns zu Hause oft genug weniger willkommen, manchmal (weil mit besonderen Anforderungen) sogar als belastende, ungelegen kommende Gäste fühlen.

 

Reisen als Rollstuhlfahrer ist nicht schwierig und schon gar nicht unmöglich! Man kann fast überall auf der Welt Urlaub machen. Und an allen Orten trifft man auf hilfsbereite Menschen, selbst wenn es keine barrierefreie Infrastruktur geben sollte. Diese Erfahrungen haben wir immer wieder auf unseren Reisen gemacht. Ein Paradies für Rollstuhlfahrer sind ohne Zweifel die USA – hier haben, was „accessibility“ angeht mehrere Kriege mit behinderten Veteranen, die man nicht ausgrenzen konnte und die Bürgerrechtsbewegung ganze Arbeit geleistet. Aber auch sonst haben wir festgestellt, dass außerhalb Deutschlands, im Süden Europas oder in den sogenannten Entwicklungsländern die Menschen offen dafür sind, mit uns kleinere oder größere Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

 

Und wie ist das bei euch? Habt ihr ähnliche Erfahrungen

oder besondere Erlebnisse mit Menschen vor Ort machen können?

Dieser Blogbeitrag erschien zuerst am 26.03.2014 und wurde geringfügig aktualisiert und überarbeitet. Danke an Günter für dieses Thema.

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Kommentare: 2
  • #1

    Beate (Freitag, 11 Dezember 2015 06:18)

    "Ungelegen kommende Gäste im eigenen Land" ... ja, das Leben in Deutschland ist schon manchmal ein Krampf. Umso herzerwärmender finde ich Eure Erfahrungen in anderen Ländern; richtige Vorweihnachtsgeschichten!
    Ich wünsche Euch eine friedliche Adventszeit.
    LG, Beate

  • #2

    Janine (Montag, 21 Dezember 2015 23:15)

    Ich sehe hier täglich in den USA, dass Menschen mit körperlichen Einschränkungen - egal in welcher Form - vielmehr von der Gesellschaft akzeptiert und integriert werden. Es wird selbstverständlich geholfen, aber dennoch nicht angestarrt oder ähnliches. Finde ich sehr angenehm und unkompliziert. Deutschland kann sich eine Scheibe davon abschneiden... LG Janine