Was ist Heimkommen?

Sonnenuntergang über Duisburg
Sonnenuntergang über Duisburg

Ariane von Heldenwetter hat festgestellt, dass Reiseblogger immer davon berichten , wie es ist, aufzubrechen und unterwegs zu sein, von Reisen erzählen oder davon, wie das Fernweh sich anfühlt. Für eine Blogparade will sie nun wissen, wie es ist, wieder zu Hause anzukommen. Janine wollte genau das schon vor zwei Jahren von mir wissen "Was bedeutet für Dich „nach Hause kommen“, „heimkommen“?" Sie hat bestimmt die Seite ... wo wir wohnen gelesen und fragt nicht zuletzt deshalb nach. Was für eine schöne, wenn auch schwer zu beantwortende Frage. 

 

Im Mittelalter war „Heimat“ ein klar definierter Rechtsbegriff. Das Heimatrecht konnte man auf verschieden Weise erhalten:

  1. durch Geburt
  2. durch Heirat oder
  3. (der sicherlich schwierigste Weg) durch eine offizielle Gestattung der Niederlassung.

Hatte man eine Heimat, hatte man Haus und Hof in einer Gemeinde, durfte sich an einem Ort mit anderen niederlassen, dort leben und arbeiten. Man hatte allerdings auch Verpflichtungen gegenüber dem Gemeinwesen – und, im Falle unverschuldeter Not, auch Unterstützungsansprüche.

 

Der Duden macht es sich recht einfach. Nach Hause kommen bedeutet, so steht es dort  „heimkommen, an seinen Heimatort, in die Heimat zurückkommen“. Seltsam finde ich die Kontextbeispiele, die die Duden Redaktion dazu gewählt hat. Sind sie doch alle ein wenig traurig, negativ behaftet wenn man liest „müde, niedergeschlagen heimkommen, von der Arbeit heimkommen, er wird bald heimkommen“. Sollte es denn nicht anders sein? Sollte nicht das Heimkommen von Freude begleitet sein?

 

Und schon sind wir drin, mitten in meiner Antwort: nach Hause kommen heißt für mich,

  • zurückkehren an einen vertrauten Ort
  • an dem Menschen sind, die ich mag
  • an dem ich mich auskenne
  • an dem man mich mag und kennt

Ihr merkt es schon, für mich ist das Heimkommen nicht nur oder ausschließlich mit einem Ort verbunden, eher mit Beziehungen, Verbindungen. Meine Heimat ist kein Ort, meine Heimat ist ein Gefühl. Meine Erinnerung gehört aber auch dazu, wenn es um die Frage geht, was heimkommen heißt. Denn da haben sich doch einige Dinge fest in mein unterbewusstes Gedächtnis eingebrannt.

Der verborgene Sinn des Reisens ist es, Heimweh zu haben.

Erich Kästner

meine Heimat ist ein Gefühl

wer wohnt schon in Düsseldorf
wer wohnt schon in Düsseldorf

Für mich bedeutet nach Hause kommen nicht, nach Düsseldorf zu kommen.

 

In Düsseldorf wohne ich, hier arbeite ich - zu Hause fühle ich mich hier, auch nach inzwischen mehr als vierzehn Jahren nicht, die Stadt ist für mich nicht zu einem Ort geworden, in dem ich mich verwurzelt fühle. Mir geht nicht das Herz auf, beim Betrachten der Düsseldorfer „Skyline“ mit Brückenfamilie, Fernsehturm und Altstadtpanorama.

 

Richtig klar wurde mir das vor einigen Jahren bei einem Konzert von Herbert Grönemeyer in Düsseldorf. Es riss mich vom Platz, das Feuerzeug wurde entzündet und ich habe laut mitgesungen:

 

„Tief im Westen,

wo die Sonne verstaubt!

Ist es besser,

viel besser als man glaubt!

Auf deiner Königsallee

finden keine Modenschauen statt.

Hier wo das Herz noch zählt,

nicht das große Geld!

Wer wohnt schon in Düsseldorf?“

Solange Heimat da ist, spürt man sie kaum.

Zechenturm der Zeche Zollverein, Essen
Zechenturm der Zeche Zollverein, Essen

Das Herz geht mir auf bei anderen Gelegenheiten, heimisch fühle ich mich an anderen Orten (auch nicht nur an einem…):

 

wenn der Gatte den Grill entzündet, in der Ferne Hyänen kichern und die afrikanische Sonne dramatisch untergeht

• wenn ich durch das bergische Land mit seinen Schiefer- und Fachwerkhäusern fahre

• wenn die Nichte zur Feier meines Besuchs Schokoplätzchenkuchen gebacken und der Neffe sein Zimmer aufgeräumt hat

• wenn ich den typisch bergischen Tonfall (Dialekt kann man eigentlich nicht sagen) meiner Kindheit höre

• wenn ich mit der Schwester und Freundinnen im Wind am Spiekerooger Strand lang laufe und mich auf das abendliche Käsefondue freue

• wenn ich in der Ferne die Silhouette eines Förderturms erkenne

• wenn mir wie im Studium der typische Duft einer Currywurst von Dönninghaus in die Nase steigt

• oder ich mich in einer Zechensiedlung wiederfinde

• wenn ich - obwohl nicht Katholikin und nicht gläubige Christin - in Köln den dicken Pitter höre

 

Solange Heimat da ist, spürt man sie kaum. Wahrscheinlich ist Heimat auch deswegen umso schöner, desto weiter sie weg ist. Und wie ist das bei euch mit dem "nach Hause kommen“, „heimkommen"?

 

Wann habt Ihr ein Heimatgefühl, das Empfinden nach Hause zu kommen oder kennt ihr das gar nicht?

Dieser Blogbeitrag erschien zuerst unter dem Titel "Was bedeutet für Dich „nach Hause kommen“, „heimkommen“?" am 10.12.2013 und wurde geringfügig aktualisiert und überarbeitet. Danke an Janine für diese Frage.

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Kommentare: 5
  • #1

    Beate (Dienstag, 28 Juli 2015 07:15)

    Heimat … auch für mich ein Gefühl und kein Ort.

    Wie ich schon in meinen FAQ geschrieben habe: meine Heimat ist dort, wo meine Leute sind! Und "meine Leute", das sind schon seit langen Jahren mein Mann und unsere Hunde.

    Wenn ich jedoch eine Stadt nennen soll, in der ich mich zu Hause fühle, dann kommen allerdings zwei in Frage: Frankfurt am Main und London.

    1972 kam ich nach Frankfurt am Main, um 22 Jahre lang dort zu leben und zu arbeiten – und um dieses "internationale Dorf" vom ersten Moment an für immer zu lieben. Frankfurt ist für mich echt, offenherzig, international ... und lebte schon immer die multikulturelle Vielfalt.

    In London lebten wir leider nur drei Jahre, dafür aber sehr intensiv. Unsere Besucher gaben sich die Klinke in die Hand, und ich werde nie die Gefühle vergessen, wenn ich Freunden meine Stadt zeigen durfte. 1995, an einem sonnigen Frühlingstag auf der Tower Bridge spürte ich es dann ganz deutlich:
    "Dies ist meine Stadt, und hier bin ich zu Hause!"
    Das gleiche Gefühl hatte ich auch oft in der U-Bahn, vor allem in der Vor- und Nachsaison, wenn "wir Londoner" unter uns waren. Vor einiger Zeit hörte ich zufällig, dass man dann ein "London resident" sei, wenn man sich mit dem Streckennetz der U-Bahn quasi im Schlaf auskenne. Nun, wenn es danach geht, dann bin ich ein echter Londoner!

  • #2

    Zypresse (Dienstag, 28 Juli 2015 09:52)

    Beate, die Londoner U-Bahn im Schlaf? Dann wärest Du ja ein gefährlicher Mitspieler bei Sherlock Holmes (wer kennt dieses alte Spiel des Jahres hete eigentlich noch?)Ja und Frankfurt? Kenne ich garnicht, wir haben allerdings Freunde, die diese Stadt ebenso lieben wie Du - und daher steht sie inzwischen definitiv für einen Besuch auf meiner "bucket list".

  • #3

    Paleica (Mittwoch, 29 Juli 2015 09:42)

    eine wundervolle idee, den text so aufzubauen. ich weiß genau, was du meinst. der ort, an dem ihc mich zuletzt am stärksten zuhause gefühlt habe, war im yosemite nationalpark. darüber hab ich sogar kürzlich etwas geschrieben :) für mich ist heimat auch mehr personen- und gefühl-, als ortsgebunden. obwohl der wiener flughafen schon einer der orte ist, an dem mir ein heimatgefühl in meinem leben schon sehr oft untergekommen ist.

  • #4

    Zypresse (Mittwoch, 29 Juli 2015 11:30)

    Vielleicht liegt das mit dem Flughafen daran, dass Du dort zu der vertrauten Umgebung mit den liebsten Menschen, der eigenen Wohnung zurückkehrst, Paleica?

  • #5

    Ariane (Donnerstag, 30 Juli 2015 16:40)

    Schöner Artikel, vielen Dank für die Teilnahme an meiner Blogparade :)
    Zuhause fühlen, da hast du absolut Recht, ist nicht unbedingt mit einem Ort verbunden. Wobei ich in der Stadt, in der ich lebe, auch, wenn sie nicht meine Heimatstadt ist, schon immer heimatliche Gefühle empfinde. Jeder Abschied ist mit ein bisschen Wehmut verbunden, und jedes Heimkommen mit klopfendem Herzen :)