Reisen als Rollstuhlfahrer

Havel
Havel

Nachgedacht habe ich über ein Fragezeichen hinter dem heutigen Titel des Blogeintrages. Gesetzt habe ich es nicht. Wieso auch? Seit inzwischen fast 30 Jahren reisen wir gemeinsam, der Gatte und ich. Ein Ausrufezeichen wäre also wohl sehr viel angebrachter!

 

Zu Beginn ging es erst einmal ganz vorsichtig auf Reisen: ein paar Tage nach Holland, in ein spezielles Hotel in Italien... aber dann wurden wir immer mutiger (und auch neugieriger). Und so gehören zu den gemeinsam und mit Rollstuhl bereisten Kontinenten Europa, Asien, Amerika, Australien und Afrika.

 

Einige Male mit Reiseveranstaltern, ein einziges Mal in einer Gruppe -

aber am liebsten und deshalb fast immer: allein, auf eigene Faust, mit dem eigenen Auto, mit Mietwagen, geflogen, mit der Bahn und seit dem letzten Jahr sogar mit dem Boot.

 

Warum? Ganz einfach: wenn ich mit Hotels, B&Bs, mit Autovermietern kommuniziere, dann kann ich ganz klar meine speziellen Bedürfnisse (oder besser: die des Gatten) formulieren und nachfragen, konkret beschreiben und evtl. um Fotos bitten, falls Vermieter vor Ort und wir uns nicht sicher sind, ob es passen wird. Und nicht selten entsteht aus diesen Mails schon vorab ein freundlicher Kontakt, der vor Ort dazu führt, dass wir (fast) wie alte Freunde begrüßt werden. Wir erhalten zahlreiche Tipps und Informationen aus erster Hand - das konnte uns ein Tourveranstalter bisher noch nie bieten.

was kann schiefgehen bei Reisen mit Rollstuhl?

Ist bei unseren Planungen auch schon einmal etwas gründlich schiefgegangen?

 

Klar - so ist das Leben.

  • Einmal habe ich den Fehler gemacht und zwei rollstuhlgerechte Hotels in Australien in der falschen Reihenfolge gebucht. Das hätte uns knappe 1.000 km zusätzliche Fahrtstrecke für Hin- und Rückfahrt eingetragen. Zum Glück haben wir vor Ort auf halber Strecke ein nettes und geeignetes (Privat-)Zimmer gefunden und konnten so die falsche Buchung einfach verfallen lassen. Und ich - ich schaue seither lieber einmal mehr auf die Landkarte und bin etwas sorgfältiger bei der Routenplanung.
  • Einmal stimmte die Bezeichnung des rollstuhlgeeigneten Bungalows in einem Restcamp des Mapungubwe Nationalparks nicht und wir waren in einen nicht geeigneten, nur über (gefühlte 10) Stufen erreichbaren Bungalow eingebucht. Der "universally accessible" Bungalow war belegt und die dortigen Gäste waren auch nicht bereit, zu unseren Gunsten umzuziehen. Aber sogar dieses Problem hat sich vor Ort lösen lassen. Wir bekamen einen großen Familienbungalow mit nur einer Stufe und haben unseren Aufenthalt dennoch geniessen können.
  • Die größte Pleite war ohne jeden Zweifel, dass wir am 27. März 2008, dem Eröffnungstag des damals neuen Terminal 5 über Heathrow nach Südafrika fliegen wollten und British Airways nicht nur unser Gepäck, sondern auch den Rollstuhl verloren hatte. Das bedeutete dann in der Tat das Aus für diesen Urlaub - denn er traf erst nach knapp drei Wochen (dann allerdings unversehrt und gemeinsam mit dem restlichen Gepäck) wieder bei uns zu Haus ein.

wenn man auf Reisen geht ist es nicht wie zu Hause

Freunde und Bekannte, ja auch Unbekannte fragen uns immer:

wie macht ihr das bloß? Solche Reisen, allein und dann noch mit dem Rollstuhl? Wir würden das ja noch nicht einmal ohne die Behinderung wagen.

 

Unsere Antwort:

wir haben bisher kaum negative Reiseerlebnisse gehabt. Im Gegenteil, wir stellen immer wider fest, dass man in anderen Ländern mit behinderten Menschen selbstverständlicher umgeht, das man hilfsbereiter ist als in unserer Heimat. So manches Mal hat sich die Behinderung auch als Schlüssel zu ganz besonderen Einblicken in ein Land erwiesen.

 

Klar, wenn man auf Reisen geht ist es nicht wie zu Hause. Aber soll es das denn sein? Wir reisen, um Neues zu sehen, Unbekanntes zu entdecken. Und natürlich muss man sich manchmal auf Unbequemlichkeiten einstellen, klappt nicht alles - aber es finden sich immer Lösungen.

 

Und um anderen Menschen im Rollstuhl Mut zu machen, auch auf Reisen zu gehen ist unter anderem diese Seite entstanden (nicht nur... ). 

Gelegentlich möchte ich gern in der Kiste kramen und alte Blogbeiträge wieder neu einstellen - keine Sorge, ich hole nicht alle alten Schätzchen wieder vor - aber das ein oder andere Thema ist sicher wert, nicht in Vergessenheit zu geraten. Dieser Beitrag wurde erstmals am 16.01.2013 veröffentlicht.

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