Stadttour mit Thuli von Atamela in Soweto

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Welcome to Soweto
Welcome to Soweto

Über den Vormittag unserer Tour mit Thuli von Atamela Tours in der City von Johannesburg hatte ich schon berichtet. Nach einer Verschnaufpause am Mittag ging es weiter nach Soweto.

 

Soweto steht für South Western Townships. Unser erster Halt findet gleich am Ortseingangsschild statt. Hier können wir den ersten Blick über die Stadt schweifen lassen. Sie dehnt sich bis zum Horizont aus. Nach der Volkszählung 2011 betrug die Einwohnerzahl Sowetos 1.271.628. Inoffizielle Schätzungen gehen jedoch von einer heutigen Einwohnerzahl von 3,5 Millionen Menschen auf 130 km² Fläche aus. Damit ist Soweto die bevölkerungsreichste Stadt des südlichen Afrikas.

 

Thuli nutzt die Gelegenheit, uns ein wenig über die Geschichte Sowetos zu erzählen. Der Ausbruch der Beulenpest 1904 führte zur Umsiedlung der innenstadtnah in Johannesburg lebenden schwarzen Bürger auf das einzige Stück Land, das für die Weißen nicht von Interesse war, nämlich 13 km außerhalb, rund um die kommunale Kläranlage herum. Nach der Gründung Sowetos war es Nicht-Weißen nicht länger gestattet, in Johannesburg zu leben. Der Stadtbezirk wuchs schnell und zog immer mehr Menschen an. Über die nächsten 90 Jahre wurde Soweto zum Mittelpunkt von schwarzer Kultur und zum Zentrum des Freiheitskampfes.

 

Über Thuli und Atamela

Thuli Khumalo
Thuli Khumalo

Atamela Tours, das ist Thuli Khumalo. Atamela ist ein Sotho-Wort und bedeutet so viel wie „zusammen kommen“. Und dieser Name ist für Thuli Programm.

 

Thuli ist in Soweto geboren und aufgewachsen. Sie hat einige Jahre in Deutschland gelebt, gelernt und gearbeitet. So hat sie einen einmaligen, afrikanisch-europäisch-kulturellen Hintergrund.  Mit ihrem Unternehmen Atamela Tours bietet sie verschiedene Ausflüge an, um die Probleme, aber auch den Optimismus der südafrikanischen Gesellschaft zu zeigen.

 

Was für uns ganz besonders wichtig war: sie hat uns Vorschläge gemacht, hat unsere im Vorfeld formulierten Wünsche berücksichtigt und uns so eine ganz individuelle, rollstuhlgeeignete Tour nur für uns und mit unserem Mietwagen durch Johannesburg und Soweto zusammengestellt. Während unserer ganztägigen Rundfahrt haben wir nicht nur „normale“ Touristenattraktionen besucht, wir haben Thuli darüber hinaus auch viele Fragen stellen können, von ihr zum Teil sehr persönliche, manchmal auch politische Antworten bekommen, über Einschätzungen miteinander diskutiert und ganz viel Neues erfahren.

Soweto - das South Western Township

Wasser holen
Wasser holen

Unsere erste Überraschung beim Besuch von Soweto ist das erste Wohngebiet in Diepkloof Extension, durch welches wir fahren. Zwei- bis dreistöckige Häuser, Villen, Architektenträume (oder auch Alpträume, da nicht in jeden Fall ganz geschmackssicher), hohe Mauern oder Zäune, Mercedes oder SUV in der Einfahrt. Hier leben die Sowetans, die es geschafft haben, die Reichen, die Unternehmer, die Stars. Das Viertel gilt als eines der sichersten Wohngebiete in und um Johannesburg.

 

Aber die großen Unterschiede liegen nah beieinander, kaum durch einen Straßenzug voneinander getrennt liegen aufder einen Seite die luxuriösen Villen mit ihren elektrischen Toreinfahrten und nur eine Ecke weiter blicken wir auf einfachste Gemeinschaftsunterkünfte und sehen junge Mädchen, die an öffentlichen Zapfstellen das benötigte Wasser holen müssen.

 

Von hier geht es weiter auf breiten Straßen, aber auch durch kleine Gassen mit zahlreichen Schlaglöchern vorbei an einem von Thulis Lieblingsprojekten: einem Kindergarten, der von einem süddeutschen Holzhändler nach seinem Soweto-Besuch unterstützt wurde. Der Kindergarten hat seither einen schattigen Außenspielbereich und ausreichend Sitzmöglichkeiten für alle (teilweise mehr als 70) betreuten Kinder.

Chris Hani Baragwanath Hospital

Haupteingang des Chris Hani Baragwanath Hospital
Haupteingang des Chris Hani Baragwanath Hospital

Unser nächster Stopp liegt gegenüber dem Baragwanath Hospital. Das Chris Hani Baragwanath Hospital gilt als das größte Krankenhaus Afrikas und der südlichen Hemisphäre sowie das drittgrößte der Welt. Das Krankenhaus hat eine Fläche von 0,7 km², rund 3200 Betten und 6760 Angestellte.

 

Nicht, dass einer von uns krank wäre. Nein, direkt gegenüber dem Haupteingang des Krankenhauses befindet sich ein lebendiges, wuseliges Zentrum Sowetos. Hier ist ein zentraler Halte- und Umsteigepunkt für die Kleinbusse und Sammeltaxis, ein Einkaufszentrum, ein Markt. Und über den Markt schlendern Thuli und ich. Was es dort nicht alles zu kaufen gibt: natürlich Obst und Gemüse, liebevoll zu Pyramiden aufgestapelt. Auch Fleisch und Fisch entdecke ich, in der Nachbarschaft auch eine kleine Küche. Hier kaufen vor allem junge Männer rasch einen Snack zum Mitnehmen. Küchenutensilien aus Plastik, Spielzeug, Brillen und auch einen Friseur entdecke ich. Und eine Apotheke, das ist klar, gibt es ebenfalls. Heilpflanzen sind das Rückgrat der traditionellen afrikanischen Medizin. Diese Heilpflanzen kann man hier bei der „Apothekerin“ kaufen. Die Pflanzen, als Muti bezeichnet, haben oft auch symbolische und spirituelle Bedeutung. Zum Beispiel haben Blätter, Samen und Zweige, die weiß, schwarz oder rot sind, eine besondere symbolische oder magische Bedeutung und besitzen besondere Eigenschaften. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Wirksamkeit von 16 Pflanzen aus KwaZuluNatal hat ergeben, dass einige dieser Pflanzen, die in der traditionellen afrikanischen Medizin eingesetzt werden, für die Behandlung hohen Blutdrucks von Wert sein können.

Orlando Towers

Orlando Towers
Orlando Towers

Von hier geht es weiter, vorbei an den Orlando Towers. Einst wurde hier Strom für ganz Johannesburg produziert. Heute ist das Kraftwerk von Soweto eine Attraktion für Touristen und Einheimische. Zwischen den beiden riesigen Kühltürmen hat man eine Brücke gespannt, von dort stürzen sich Mutige am Bungeeseil in die Tiefe. Doch auch von unten sind die Türme eine der Sehenswürdigkeiten. Künstler haben die Blöcke mit Alltagsszenen aus ihrem Viertel bemalt.

 

Vorbei an der aus Anti-Apartheid-Zeiten bekannten Kirche Regina Mundi machen wir einen Abstecher zu einer Familie, auf die Thuli ganz besonders stolz ist: eine alleinerziehende Mutter mit Zwillingstöchtern; Einser-Schülerinnen, ehrgeizig und fest entschlossen, später einmal zu studieren und als Juristin die Welt zu verbessern oder als Ingenieurin den Weltraum zu erobern. Ein festes Dach über dem Kopf, regelmäßige Mahlzeiten und der Wille, etwas aus dem eigenen Leben zu machen, sie beeindrucken mich mächtig, die beiden Mädels und ihre Mutter! Ein deutsches Besucherpaar finanziert die Schule für die Mädchen - und ich habe Spaß daran, mit den beiden über ihren neuen Laptop und die jetzt fällige Einrichtung eines Hotspots auf dem Smartphone zu fachsimpeln.

Ikonen der Ant-Apartheidsbewegung

das vom Fotografen Sam Nzima gemachte Foto des sterbenden Hector Pieterson
das vom Fotografen Sam Nzima gemachte Foto des sterbenden Hector Pieterson

So langsam nähern wir uns dann den letzten Stopps unserer Tour durch Soweto. Zunächst erreichen wir den Ort, der nicht nur für mich, sondern vermutlich für viele Menschen außerhalb Afrikas den Beginn des Widerstandes gegen die Apartheid symbolisiert. Der 16. Juni 1976 war ein Wendepunkt der Geschichte von Soweto. An diesem Tag wurde der Schüler Hector Pieterson von einem Polizisten erschossen. Gemeinsam mit seinen Mitschülern hatte er gegen den Beschluss der Regierung demonstriert, Afrikaans als Sprache an den Schulen einzuführen. Das durch den Fotografen Sam Nzima gemachte Foto des sterbenden Hector sorgte weltweit für Aufsehen. Er wurde dadurch zur Symbolfigur eines Aufstandes der schwarzen Bevölkerung gegen das Apartheidsregime. 500 Menschen starben bei den folgenden Unruhen. In Soweto erinnert heute ein eindrucksvolles Denkmal an Pieterson und nebenan zeigt ein Museum die Geschichte des Aufstands.

 

Vor allem ist Soweto aber wegen Nelson Mandela bekannt. Sein ehemaliges Wohnhaus in der Vilakazi Street 8115 ist heute ein Museum. Im Jahr 2009 wurde es renoviert und wieder in den Originalzustand versetzt. Noch zu sehen sind Einschusslöcher von Polizeikugeln an der Außenwand. Im Inneren finden sich Briefe, Bilder und persönliche Gegenstände Mandelas und anderer Persönlichkeiten der Antiapartheidsbewegung. Voll ist es, sehr touristisch und dass Winnie Mandela direkt gegenüber ein Restaurant betreibt, das sie dem Nachbarn mit einem Abstand von einem halben Meter direkt vor dessen Haus gebaut hat, so dass kein Sonnenstrahl mehr ins Haus fallen kann und dessen Familie nun statt auf die Straße auf eine öde, graue Hauswand blickt, bringt Thuli immer noch auf. Sie findet es egoistisch, rücksichtslos und habgierig von Mandelas Ex - und dieser Einschätzung kann man sich eigentlich nur anschließen.

Fazit

Unser Fazit: Eine Tour durch Soweto ist ein Muss für all die Besucher, die den Freiheitskampf verstehen möchten.

 

Vor und nach unserem Besuch sind wir immer wieder kritisch gefragt worden, ob die Township-Bewohner eine Tour durch Soweto als eine Art menschlichen Zoobesuch empfinden und ablehnen könnten, ob wir eine Township Besichtigung denn wirklich verantworten könnten.

 

Ich denke, wir waren als Gäste dort. Wir hatten nicht das Gefühl, zu stören, eher war es so, dass die Menschen stolz waren, dass sich jemand für sie und ihre Lebensweise interessiert. Wir erlebten eine große Würde, auch bei den ganz Armen, die Bewohner waren stolz auf ihre Gemeinschaft und den sozialen Geist, der in den Vierteln Sowetos bestehe. Damit ist vermutlich auch zu erklären, dass viele Sowetans irgendwann freiwillig nach Soweto zurückkehren.

 

Wandel fängt immer im Kopf an, Annäherung auch. So gesehen bringt ein Besuch im Township beiden Seiten etwas Wir sind dieses Mal nicht nur auf Safari gewesen und bringen nicht nur Bilder von Elefanten, Giraffen und Nashörnern mit nach Haus. Wir haben einen kleinen Einblick in das Leben in einem Township bekommen, gespürt und gerochen. Auch das ist Südafrika. Wenn Township-Touren allein diese Nachricht vermitteln können, dann ist schon viel gewonnen.

Ergänzende Informationen findet Ihr

auf anderen Blogs

Und dann noch

Was wir ausgelassen haben

  • Ich empfehle Euch in jedem Fall einen Besuch des Apartheid Museums 
  • Zum üblichen Programm gehört bei Thuli im Übrigen noch ein Besuch von Sandton und Alexandria - dort lernt Ihr zwei Stadtteile kennen, wie sie gegensätzlicher nicht sein können.

Offenlegung: Unsere Joburg und Soweto Tour haben wir selbst in voller Höhe bezahlt. Meine Meinung ist ausschließlich meine eigene.

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Kommentare: 1
  • #1

    Beate (Dienstag, 22 Dezember 2015 19:06)

    Thuli in Soweto und Norbert in Münster ... zwei guides mit grundverschiedenem sozialen Hintergrund in zwei Städten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch sind sich beide Stadtführer so ähnlich in ihrem Engagement, Besuchern die Geschichte und die Menschen ihrer Stadt näherzubringen. Eine große Bereicherung für uns Reisende.